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Die Büchersau

Die Büchersau

Lea Beauf-Tragta, Thomas Eicher, Roswitha Gerds, Christian Hebgen, Alexandra Kaiser, Christian Kirsch, Ralf Krenkel, Tobias Moersen, Silke Richter, Sandra Spilker, Dirk Steinkamp

Internetgeschichte zum Welttag des Buches 1999

Montagmorgen, 9.30 Uhr. Dora Meister-Friedrichshausen betrat die Unibibliothek und grüßte freundlich in Richtung Ausgangskontrolleur. Die 24jährige Sonderpädagogik-Studentin begab sich wie jeden Tag in den 2. Stock; sie benutzte wie selbstverständlich die 56 Stufen, denn nicht umsonst ging sie dreimal wöchentlich ins Fitneß-Center Berni an der Hellwegstraße. An die vielen bewundernden Männerblicke hatte sich Dora schon längst gewöhnt; ihre Attraktivität war ihr weder peinlich noch bildete sie sich etwas darauf ein.

Nun nahm sie wahllos 20 Bücher aus den Regalen und ließ sich an einem der Arbeitstische nieder. Kaugummi kauend begann sie mit der ihr schon zur Routine gewordenen Tätigkeit: Buch aufschlagen, Seite 111 suchen, diese mit einem Cutter gekonnt heraustrennen und in die bereitliegende graue Mappe legen. So arbeitete sie sich täglich ca. sieben Stunden durch unzählige Bücher und erweiterte ihr Archiv mit Seiten der Nummer 111.

Damals, im Herbst 1994, als sie mit dem Seitenklau begonnen hatte, war sie gerade 12 Monate glücklich mit Christoph, dem erfolglosen Geschäftsführer einer Bochumer Buchhandlung, verheiratet. Der 1.11. war ihr Hochzeitstag, und Christoph hatte an diesem denkwürdigen Tag nach zahlreichen Gläsern Champagner mit ihr gewettet, daß sie, die unbescholtene Studentin mit Modellfigur, zu feige sei, auch nur 111 Seiten mit Seitenzahl 111 aus der Unibibliothek zu schmuggeln. Das ließ sie sich nicht dreimal sagen und hatte schon Ende November die vereinbarten Seiten zusammen. Nun freute sie sich auf ihren Wettgewinn: ein hochmodernes und sündhaft teures Bücherregal für ihre gemeinsame Wohnung im Dortmunder Norden. Doch weder Bücherregal noch die Anerkennung ihres Mannes sollte sie bekommen. Denn Christoph hatte sich — wie der Teufel es wollte — während einer Kegeltour mit dem Club „Alle Neune" in die 31jährige, eher unscheinbare, aber um so reifere Paula Zobel verliebt. Erst nach der Scheidung und als ihr Seitenklau schon längst zur Sucht geworden war, erfuhr Dora, daß eine gewisse Paula Zobel die neue Direktorin der Unibibliothek geworden war, in der sie Tag für Tag „arbeitete". Dadurch zusätzlich motiviert, hatte sie in den letzten fünf Jahren tausende von Seiten aus der Bibliothek geschmuggelt.

Montagnachmittag, 16.30 Uhr. Dora verließ das Bibliotheksgebäude und hörte im Vorbeigehen die Worte einer älteren Bibliotheksmitarbeiterin: „Die Büchersau hat schon wieder zugeschlagen...". Auf dem Heimweg zu ihrer uninahen Studentenbude, die wegen der vielen Buchseiten aus allen Nähten platzte, wurde sie plötzlich unsicher. Ist man ihr auf der Spur? Hat Christoph in den vergangenen Jahren nie mit Paula über ihre skurrile Wette gesprochen? Ist sie in der letzten Woche von dem alten Soziologieprofessor Bernstein am Nebentisch beobachtet worden? Muß sie bald mit einer Hausdurchsuchung rechnen? Sollte sie besser den Studienort wechseln und an einem anderen Ort ihre Sucht befriedigen? Erschlagen von diesen Fragen kam sie an ihrer Haustür an, drehte den Schlüssel um und mußte mit Entsetzen feststellen, daß in ihrer Wohnung das Licht schon an war. Vor Angst zitternd, betrat sie ihre Wohnung und schloß die Tür hinter sich.

Knarrend fiel die Tür ins Schloß. Dora zuckte zusammen und hielt den Atem an. Ist es überhaupt eine gute Idee gewesen, jetzt noch in die Wohnung zu gehen? Welche Gefahr wird auf sie nun lauern? Starr verharrte sie im Flur, während sie angestrengt nach irgendwelchen, ihr unbekannten Geräuschen lauschte. Doch sie vernahm nichts. Was soll sie nun tun? Flucht? Aber wohin? Dora dachte nach. Langsam und unentschlossen ging sie nun den Flur entlang, öffnete vorsichtig jede Zimmertür und schaute hinein, doch - nichts. Zaghaft näherte sich Dora der letzten noch verschlossenen Tür, hinter der sie einen schwachen Lichtschein wahrnehmen konnte. Sie blieb stehen.

Schließlich riß sie die Wohnzimmertür mit einem gewaltigen Ruck auf und starrte ins Innere des Raumes. Dora stöhnte auf und sank erleichtert neben der offenen Tür zu Boden. Niemand war zu sehen, nur die kleine Halogenleuchte flackerte neben dem Couchtisch. Es war alles noch einmal gut gegangen, keine Hausdurchsuchung und keine Polizei. Erst jetzt entdeckte Dora den Zettel auf dem Tisch. Langsam stand sie auf und nahm den kleinen Zettel in die Hand.

Dora überlegte, sie überlegte, wer ihr diese Nachricht geschrieben haben könnte. Sie war sich sicher, daß es keiner ihrer Kommilitonen sein konnte. Eine solch feine und ausgeprägte Handschrift war unter Studenten etwas sehr Seltenes. Aber wer sonst hätte Zutritt zu ihrer Wohnung. Oder wurde die Nachricht nur für sie eingeworfen? Eines schien ihr sicher zu sein: Die Schrift war ihr bekannt. Sehr bekannt. Die Nachricht war nicht unterschrieben, und doch empfand sie Dora nicht als anonym. Es überkam sie ein unerklärliches Unbehagen. Ein so kleiner Zettel, der soviel auslösen kann? Ihr Unbehagen wuchs, als sie sich von der Suche nach dem Verfasser der Botschaft ihrem Inhalt zuwandte.

Dora las die Nachricht laut vor, so als müßte sie sich dadurch Sicherheit gebende Gesellschaft verschaffen: „Liebste Dora! Ich freue mich auf unser morgiges Treffen. Die Zeit, die ich mit dir verbringe, hilft mir, meinen stumpfsinnigen Alltag zu vergessen. Du bist die Brücke in eine andere Welt für mich. Du entführst mich täglich in den Kosmos deiner Welt. Ich spüre Freiheit in mir, wenn ich mich in deine Gefangenschaft begebe. Bis morgen. Deine 111." Ende. Was war das nur für eine Nachricht? Nur Klaus wußte von ihrer obskuren Wette. Oder gab es noch Mitwisser? Hatte Dora in ihrem alten Soziologieprofessor einen heimlichen Verehrer? Doch alle diese Möglichkeiten erschienen ihr als sehr unrealistisch. Ein Gefühl sagte ihr, daß die Lösung viel näher lag. So nah, daß Dora sich fühlte, als läge eine erdrückende Last auf ihr.

Nach einer unruhigen Nacht mit wenig Schlaf stand Dora erst spät auf. Wenn sie wie gewohnt um 9.30 Uhr in der Bibliothek sein wollte, mußte sie sich beeilen. Doch ihre Gedanken wanderten ständig zu der mysteriösen Botschaft auf dem Zettel. Von wem mochten die Zeilen stammen?

Unterdessen begann im Besprechungsraum in der Uni-Bibliothek eine Krisensitzung. Paula Zobel hatte alle leitenden Mitarbeiter der Bibliothek einberufen. Einziges Thema der Sitzung war natürlich die Büchersau. „Wir müssen dieser Person das Handwerk legen", rief die Direktorin mit ungewohnt schriller Stimme. Sie hatte eben ein unangenehmes Telefonat mit dem Kanzler geführt. Er hatte sich beklagt, daß in 3 der 5 von ihm entliehenen Bücher die Seite 111 fehlte. Auch privat lief es längst nicht mehr so gut bei Paula wie früher. Gestern erst hatte sie einen heftigen Streit mit Christoph gehabt. Worum war es diesmal eigentlich gegangen? Ach ja, sie hatte ihn wieder ertappt, wie er ein Buch falsch in das riesige Wohnzimmerregal eingestellt hatte. „Da gehört der nicht hin", hatte sie ihn angefahren, als Christoph Band 3 der Brockhaus-Enzyklopädie hinter Band 5 einordnete. Warum mußten Männer nur immer so unordentlich sein? Sie hätte auf ihre Mutter hören sollen: „DER ist zu jung (!) für dich", hatte sie Paula gewarnt.

Die Direktorin wurde von einem heftigen Ausbruch der Leiterin der Bestandspflege aus ihren Gedanken gerissen. „So geht es nicht weiter" erregte sich diese. „Wir haben jetzt über 1000 Leihscheine für Lückenergänzungen herausgeschickt. Und immer Seite 111. Die ganze Bibliothekswelt lacht über uns." — „Vielleicht sollten wir künftig nur noch Bücher bis zu 100 Seiten anschaffen. Das würde auch unseren Etat entlasten", versuchte der Erwerbungsleiter die gereizte Stimmung aufzuheitern. Doch keiner ging auf den Scherz ein. „Ich schlage vor", meinte stattdessen der Chef der Benutzung und zog noch einmal kräftig an seiner Zigarre, „einige Mitarbeiter werfen in der nächsten Zeit ein Auge auf das 2. Obergeschoß. Wie es scheint, vergreift sich die Büchersau ja nur an Büchern aus diesem Stockwerk. Alle dreißig Minuten geht jemand von uns möglichst unauffällig durch die Regalreihen."

Wie üblich wurde eine geraume Zeit über den Vorschlag diskutiert. Schließlich, da niemand eine bessere Idee hatte, wurde der Benutzungsleiter mit der Durchführung des Plans beauftragt. Die Uhr im Besprechungsraum zeigte auf 11.01 Uhr, als Paula Zobel sich von ihrem Stuhl erhob und ihre Unterlagen zusammenraffte. Dabei fiel ein kleiner Zettel heraus, auf dem nur fünf knappe Worte standen: „Du kriegst sie nie. 111".

Der Benutzungsleiter, viel schneller als Paula, hob den Zettel auf und reichte ihn ihr, nachdem er mit einem Blick den Inhalt erfaßt hatte. Paula bedankte sich, las den Zettel, wurde blaß, denn sie erkannte Christophs Schrift. Der Benutzungsleiter beobachtete das Mienenspiel und wartete auf eine Reaktion. Paula zerknitterte den Zettel und schob ihn achtlos in die Hosentasche.

Eine Stunde später, beim Mittagessen in der Mensa, fiel den Kollegen die Zerstreutheit der Direktorin auf, denn sie nahm sich für die Ochsenschwanzsuppe und den Fruchtquark ein Messer und eine Gabel aus dem Besteckkasten und mußte nochmal aufstehen um sich die Löffel zu holen.

Dora hatte sich inzwischen auch in der Mensa eingefunden. Sie war in Begleitung ihres ständigen Tischnachbarn aus dem Bibliothekslesesaal: Cäsar, ein Jurastudent der Uni Bochum, eigentlich ein sehr unscheinbarer Bursche, aber dennoch reizvoll für Dora, denn sie liebte die Spannung. Er hatte nämlich nie bemerkt, was sie wirklich tagein tagaus in die Bibliothek trieb.

Dora suchte täglich nach der Direktorin und nahm dann in unmittelbarer Nähe Platz. So auch heute. Sie grüßte nie, hatte aber immer ein zuckersüßes Lächeln auf den Lippen, wenn Paula sie bemerkte. Der Direktorin war das sichtlich unangenehm, aber das war Doras kleine Rache. Heute bemerkte die Direktorin sie gar nicht, als sie aufstand und das Tablett nahm. Sie schien tief in Gedanken versunken und erschrak heftig, als Dora rief: „Gib Christoph einen dicken Kuß von mir."

Höchst befriedigt über ihre heutige außerordentliche Wirkung auf Paula begab sich Dora in Richtung Tablettabgabe. Dort bildete sich schon eine lange Schlange, weil das Fließband — wie üblich gegen 13.00 Uhr — stehengeblieben war und der nur zum Aufpassen auf das Fließband angestellte Student mit dem jetzt erforderlichen Stapeln der Tabletts hoffnungslos überfordert war.

Dora schaute sich um. Von der Kasse zu ihrer Rechten hallte der übliche Spruch zu ihr hinüber: „Morgen denkt ihr aber an Eure Ausweise!" Auf der linken Seite der Tablettabgabe erblickte sie den Rektor, wie er mit hochrotem Kopf inmitten der ihn begleitenden Kollegen immer wieder „111! 111! Da muß doch etwas geschehen!" hervorstieß. Fast wurde es ihr angst und bange, als sie sich darüber klar wurde, welch weite Kreise ihre Aktion zog, und als sie endlich ihr Tablett abgegeben hatte, zögerte sie einen Augenblick, ob sie sich tatsächlich wieder in das 2. OG der Bibliothek begeben sollte.

Cäsar, der die ganze Zeit kein Wort herausgebracht hatte (und sowieso ein schweigsamer Bursche war, wahrscheinlich viel zu sehr darauf bedacht, mit seinen Worten keine ungeschriebenen Gesetze zu verletzen) blickte sie schüchtern an und sagte: „Ich muß meine S-Bahn nach Bochum kriegen, damit ich rechtzeitig zu meiner BGB-Vorlesung komme." In seinem Blick konnte ein aufmerksamer Beobachter eine leise Hoffnung, eine Bitte, ja fast ein Flehen erkennen, das zu sagen schien: „...oder trinkst Du mit mir noch einen Kaffee? Für Dich würde ich sogar diese Vorlesung einmal ausfallen lassen!" Dora hörte ihm kaum zu. Viel zu stark kämpften in ihr Angst und Reiz miteinander. Sie spürte schon die aufregende Wachheit in ihren Fingern, fühlte die solide Festigkeit des von der Handwärme ebenfalls warm gewordenen Cutters, roch die Luft, die von feinstem Papierstaub durchsetzt war und sah den Staub im Lampenlicht tanzen. Dem konnte sie nicht widerstehen, sie ließ stud. jur. Cäsar enttäuscht stehen und eilte mit den Worten „Ich muß noch schnell in die Bibliothek" davon.

Das Gewicht der schweren Bücher, das sie um kaum merkliche gewichtslose Seiten erleichterte, der suchende Blick in die rechte untere Ecke einer Seite (wo die 111 meist zu finden war), die Strukturen unterschiedlichsten Papiers... die Erinnerungen an all das wurden fast so real, daß sie nach unbedingter Erfüllung verlangten. Mit schnellen Schritten eilte sie auf die Bibliothek zu und merkte nicht, wie sich ein grauer Schatten, der an der H-Bahn-Haltestelle gewartet hatte, an ihre Fersen heftete.

Selbst hier an der frischen Luft, während sie eiligen Schrittes Richtung Bibliothek unterwegs war, bildete sie sich ein, konnte Sie den trockenen Duft des Papierstaubes aus ihrem Unterbewußten hervorzaubern. Schneller und schneller wurde Ihr Schritt. Getrieben vom Verlangen, das Papier zu riechen, die Seiten zu fühlen und dieses leise, gänsehautherbeiführende Geräusch des Cutters endlich wieder zu hören. In ihrer sie innerlich aufwühlenden Vorfreude bemerkte sie selbst jetzt, nachdem sich ihr der Schatten bereits bis auf wenige Meter genähert hatte, die Bedrohung in ihrem Rücken nicht. Schon konnte sie die Bibliothek sehen, als die Vorfreude unvermittelt einem leichten Unbehagen wich. Was war los? Eben noch ging es nur darum ihren Drang zu befriedigen und wiedermal ein paar Bücherseiten mit nach Hause zu nehmen und nun dies. Sie fühlte sich — beobachtet. Langsam verringerte sie ihre Schrittgeschwindigkeit bis sie dann gänzlich stehen blieb.

Es waren nur noch ca. 100 Meter bis zur Bibliothek. Sie befand sich auf einem der großzügig angelegten Plätze, die hier an der Uni zwischen den verschiedenen Vorlesungsgebäuden eingerichtet waren. Hier und da standen ein paar Sitzbänke. Was waren das für Geräusche? Es hörte sich genauso an wie ihre eigenen Schritte auf diesem Kiesboden. Gab es hier ein Echo? Wohl kaum. Abrupt blieb sie stehen und drehte sich auf der Stelle um. Und da stand sie vor ihr.

„Verzeihung, ist das Ihr Schal? Er lag in der Mensa neben Ihrem Stuhl" stammelte Paula Zobel und zeigte Dora ihren eigenen alten Seidenschal. Schon in der Mensa hatte Paula ein merkwürdiges Gefühl überkommen, als sie Dora sah. Die ganze Zeit hatte sie überlegt, wie sie an Dora herankommen könnte. Eine bessere Geschichte, als ihr den ollen Schal unter die Nase zu halten, war ihr auf die Schnelle nicht gekommen. Nun stand sie vor ihr, ihre Hände zitterten leicht, und ihre Stimme klang höher als sonst.

Dora starrte auf Paulas Schal. „Nein, der gehört nicht mir. Vielen Dank", entgegnete Dora. „Oh, dann verzeihen Sie die Störung", krächzte Paula und ging wieder in Richtung Mensa zurück.

Sie war wütend auf sich. Was für eine blöde Idee. Sie hätte sich an ihren alten Plan halten sollen. Diese spontanen Aktionen hatten ihr noch nie etwas eingebracht. Die Sache mit dem Zettel von heute morgen fiel ihr wieder ein. Sie nahm sich vor, Christoph bei der nächsten Gelegenheit zur Rede zu stellen.

Es mußte etwas passieren. Dora sah der Direktorin eine Weile hinterher. Was wollte die Zobel nur von ihr? War das ein Vorwand von ihr? Ahnte sie etwas? Dora wurde unruhig, ihre Schritte schneller. In der Bibliothek angekommen, zog sie ihre Jacke nicht aus und schloß ihre Tasche nicht ein. Ganz in Gedanken ging Dora zu ihrem Platz im zweiten Stock. Da sitzt auch schon wieder Herr Bernstein am Nebentisch und brütet über seinen Soziologiebüchern. Ein Wunder, daß er noch nie etwas bemerkt hat. Wahrscheinlich ist er schwerhörig und vernimmt deshalb nie das leise „Ratsch" des Cutters. Um so besser. Doch plötzlich blickte Bernstein auf und sah ihr voll ins Gesicht. Etwas wie Anerkennung strahlte aus seinen blauen Augen, die zu seinem faltigen alten Gesicht in einem merkwürdigen Kontrast standen. Unvermittelt wandte er sich wieder seinen Büchern zu. Dora setzte sich und begann zu arbeiten.

Cäsar verpaßte die S-Bahn Richtung Bochum, die ausgerechnet heute 2 Minuten zu früh kam. Jetzt kam er sowieso zu spät zur Vorlesung und beschloß deshalb, doch noch in die Bibliothek zu gehen, um in Doras Nähe sein zu können. Schon lange war er in sie verliebt, doch sie nahm ihn leider gar nicht richtig wahr. Sie hatte nicht mal bemerkt, daß er sich neuerdings einen Bart wachsen ließ.

Leicht frustriert begab er sich auf den Weg in die Bibliothek. Dora war schon eingetroffen, sie kniete unter dem Tisch und sammelte ein paar Zettel auf, die ihr durch einen Windstoß heruntergefallen waren. Cäsar bemühte sich, Dora beim Aufsammeln ihrer Sachen zu helfen. Fahrig versuchte Dora, ihn daran zu hindern. Aber längst hatte Cäsar alles sorgfältig auf ihrem Tisch gestapelt, und die zahlreichen losen Seiten ordnete er nun, korrekt, wie Jurastudenten nun einmal sind, zu einem tadellosen Stapel.

Doras Verwirrung war perfekt. Sie mußte nun rasch entscheiden: Was weiß Cäsar? Oder sollte der Depp noch immer nichts gemerkt haben? Depp oder nicht, auch wenn es ihr peinlich war, sich mit ihm in der Öffentlichkeit zu zeigen (der Bart ist wirklich scheußlich), blieb ihr nichts anderes übrig, als ihm bei einem gemeinsamen Abendessen ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Dora strahlte ihn mit ihrem schönsten Lächeln an: „Danke, Cäsar, ich bin heute wirklich ein bißchen neben mir."

Cäsar war glücklich. Gut, daß die S-Bahn so früh kam! Schließlich stand eventuell sein Lebensglück auf dem Spiel. „Vielleicht solltest du mal weniger arbeiten", sagte er. „Tja, wahrscheinlich hast du recht, aber so allein ausgehen, ist auch nicht der Brüller." „Dann laß uns doch heute abend zusammen im Fellini essen gehen", schlug Cäsar hoffnungsvoll vor. „Du, das ist eine prima Idee".

Bis zum Essen hatte Dora noch genug Zeit und beschloß, für heute in der Bibliothek aufzuhören. Sie packte ihre Sachen zusammen und verließ schweren Herzens die Bibliothek. Heute hatte sie nicht viel geschafft. Was muß Cäsar auch ausgerechnet jetzt auftauchen? Bis zum Abend sollte sie sich noch überlegen, wie sie Cäsar am besten aushorchen könnte, ohne daß er Verdacht schöpfen würde.

Während sie so in Gedanken versunken nach Hause ging, merkte sie nicht, daß sie schon wieder verfolgt wurde. Zu Hause angekommen, fand sie an der Tür einen Zettel, auf dem ihr Name stand. Mit einem flauem Gefühl nahm sie ihn ab und drehte ihn um. Mit großen Augen las sie: „Ich glaube, Du hast unsere heutige Verabredung vergessen. überlege Dir, wie Du das Essen mit Cäsar wieder absagst! Deine 111"

Was sollte sie tun? Und woher wußte der Verfasser so viel über sie? War das Treffen eine Falle? Und wo und wann sollte es eigentlich stattfinden? So langsam wurde ihr die Sache doch ganz schön unheimlich. Sie überlegte fieberhaft, wer noch von ihrer Sucht wußte. Aber außer Christoph fiel ihr niemand ein. Sollte er etwa doch mit Paula über ihre Wette gesprochen haben? Aber warum veranlaßte diese nicht eine Hausdurchsuchung? Bei diesem Gedanken beschloß sie, von nun an vorsichtiger zu sein, und die Spuren vor allem in ihrer Wohnung sofort zu beseitigen.

Gegen Abend des folgenden Tages saß Paula im Büro vor ihrem Rechner und schrieb am letzten Jahresbericht. Ihre Finger rasten über die Tastatur, doch sie konnte sich nicht konzentrieren, dauernd formulierte sie den Text um. Sie hatte viel gearbeitet in den letzten fünf Jahren und hatte auch viel erreicht. Die gleitende Arbeitszeit war eingeführt, die Öffnungszeiten der Bibliothek verlängert und einige Dienstleistungen optimiert worden, die Benutzer waren merklich zufriedener.

Der einzige Wermutstropfen durch die ganzen Jahre war diese Büchersau. Erst wurden nur wenige Seiten geklaut, zumindest fiel es niemandem auf, doch dann, als ihre Mitarbeiter in der Leihstelle ein Auge auf alle zurückgegebenen Titel hatten, und die Beschwerden von Lesern sich häuften, trat das ganze Ausmaß zutage. Der erste Schritt war anfangs, das Personal bei der Ausgangskontrolle zu verstärken. Doch viele Besucher beschwerten sich über die unangenehmen Leibesvisitationen. Es wurden zwar einige Bücher entdeckt, die zufällig nicht am Ausleihschalter verbucht waren, aber lose Seiten 111 waren nie unter den Fundstücken. Dann wurde ein Dienstplan erstellt, der jeden Mitarbeiter zu Kontrollgängen in der Bibliothek verdonnerte. Sicher, einige Benutzer verhielten sich schon verdächtig. Doch mehr als heimliche Brotesser und Colatrinker konnten die Mitarbeiter nicht enttarnen. Dann wurde die Polizei eingeschaltet: „Nein, da können wir auch nichts machen, sie brauchen schon handfeste Beweise. Eine Hausdurchsuchung? Ja, haben Sie denn schon eine bestimmte Person unter Verdacht? Sie sind hier schließlich nicht bei Derrick."

Und nun, nach fünf Jahren, war die Büchersau immer noch auf freiem Fuß und verstümmelte die geliebten Bücher. Paula schaltete den Rechner aus. Heute würde sie keinen schlauen Satz mehr aus der Tastatur bringen. Sie setzte ihre Brille ab, legte die Hände vor ihr Gesicht und rieb sich die Augen. Was sollte sie als nächstes machen? Der Vorschlag des Chefs der Benutzung, wieder Patrouille zu gehen, kam ihr in den Sinn. Ab morgen würde sie wieder eine Bibliotheksstreife veranlassen. Zumindest war dann ihre Schuldigkeit getan. Für heute wollte sie an nichts mehr denken müssen.

Paula räumte ihre Sachen zusammen, goß noch einmal die Blumen und verließ das Büro. Es war schon spät. Sie schaute auf die Uhr, gleich würde geschlossen. Sie entschloß sich, noch einen kleinen Rundgang zu machen. Paula ging durch die Regale in Richtung der Leseplätze, die rund um die Bibliothek an den Fensterfronten liegen.

Es saß kaum noch jemand an den Tischen. Eine Studentin schrieb beflissen Textpassagen aus einem Buch ab. Vier Tische weiter saß Professor Bernstein hinter einem Stapel von Nachschlagewerken zur Soziologie. 20 Meter davon entfernt, in der Ecke bei den Romanen, war ihr Lieblingsplatz. Nach einem anstrengenden Tag ging sie gerne hierher, wenn kaum noch Studenten da waren und sich niemand mehr über Hausarbeiten oder Seminare unterhielt. Dann ließ sie den Alltag hinter sich. Hier fand sie Ruhe zum Entspannen und zum Nachdenken. Hier wurden ihre besten Ideen geboren und die klügsten Entschlüsse gefaßt.

Paula setzte sich auf einen der Stühle, ihre Augen wanderten an den Bücherregalen entlang. Einige Hardcoverbände mit typischem Bibliothekseinband aus Leinen trotzten neben den billigen Taschenbüchern, deren Klebstoff am Buchrücken die zerlesenen Seiten fast nicht mehr halten konnten. Die jahrelange Nutzung hatte ihre Spuren hinterlassen. Und es warteten immer noch Bücher in den Regalen, die noch nie entliehen wurden, darauf, eines Tages von jemandem gelesen zu werden, der genau diesen Titel schon lange gesucht hat. Der in diesem einen Titel alles finden würde, was ihn vielleicht über Jahre nicht mehr losgelassen hatte. Und dieser Titel stand in ihrer Bibliothek. Diese Tatsache erfüllte Paula mit Ehrfurcht und Stolz. Sie blickte an den Regalen entlang und spürte ein „leises Gefühl des Wissens", wie sie es manchmal nannte. All das Wissen der Menschen, die vor ihr gelebt hatten, all die Erkenntnisse, all die Wahrheiten, alle Gefühle, Gedanken, Wünsche, Phantasien und Träume der Menschheit umgaben sie wie eine große weiße Wolke und gaben ihr das sichere Gefühl, nicht allein zu sein, nicht allein auf der Suche nach der Wahrheit zu sein.

Die Sonne stand schon tief. Ein Lichtstrahl strömte durch das Fenster und versank im Teppich. In der Luft schwebten Millionen kleinster Staubpartikel, die sich langsam wie in Schwerelosigkeit gegenseitig umflogen. Alles schien... — Alles ist so einfach! Paula durchzuckte es. Wieso ist ihr diese Idee nicht schon viel früher gekommen! Sie sprang auf und ging zielstrebig auf Professor Bernstein zu. Wie in Trance redete sie auf ihn ein, redete und redete. Sie selbst wußte kaum, was. Bernstein schaute sie sprachlos an. Was war bloß in diese Frau gefahren. Sie war doch sonst so korrekt und zurückhaltend. Er war zunehmend konsterniert. Das einzige, was er aus ihrem unzusammenhängenden Redeschwall herausfiltern konnte, war „111" und immer wieder „111". Dunkel erinnerte sich der Professor, wie aus einer tieferen Bewußtseinsschicht tauchte ein Bild auf, das sich nur zögernd verdichtete. Er mußte diesen unseligen Ort und diese Wahnsinnige schleunigst verlassen, wollte er sich nicht einer großen Gefahr aussetzten.

Professor Bernstein sprang mit einer Behendigkeit, die man seinem fortgeschrittenen Alter kaum zugetraut hätte, auf, drängte Paula beiseite und verschwand schnell zwischen den Regalen in Richtung Ausgang. Paula blieb verdutzt stehen und blickte ihm nach. Was war bloß mit diesem alten Trottel los? Warum hörte er ihr gar nicht zu? Gleichzeitig erschrak sie unbändig, als sie ihren Blick auf den Arbeitsplatz des Professors senkte. Hier fand sich ein Block, dessen Format haargenau zu den vielen Botschaften paßte, die sie seit einiger Zeit ständig an die „111" gemahnten. Um besser sehen zu können, was auf dem obersten Blatt stand, griff sie an den Schalter der Leselampe über dem Tisch. Der war offensichtlich defekt, oder lag es an der Birne? Ordnungsliebend, wie nur eine Bibliothekarin sein konnte, ging Paula in ihr Büro, um nach einer Glühbirne zu suchen. Das Nächstliegende, sofort den Block an sich zu nehmen, kam ihr gar nicht in den Sinn.

Als sie mit der Birne zurückkam, fiel ihr ihre mangelnde Konsequenz auf. Dennoch entschloß sie sich, zunächst die Birne zu wechseln und sich dann dem verräterischen Block zuzuwenden. Die Abdeckung der Leselampe ließ sich nur mit großem Kraftaufwand lösen. Als sie endlich den Blick ins Innere freigab, mußte sich Paula über ein unzusammenhängendes Kabelgewirr wundern, das da aus dem Lampenschirm quoll. Wie konnten ihre Elektriker nur so schlampig arbeiten! Paula fluchte. Schon wieder hatte sie den Impuls, zuerst den Hausmeister herbeizurufen, ließ aber dann das Kabelgewirr einfach hängen und ergriff den Block, bevor sie sich wiederum ihrem Büro zuwandte.

Bernstein, der nach einer Pause an der frischen Luft wieder an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt war, wunderte sich über die Unordnung. Unachtsam stopfte er den Kabelsalat in das Gehäuse zurück und verschloß das Ganze mit der Abdeckung. Plötzlich begann die Lampe zu qualmen und die gesamte Beleuchtung des Gebäudes fiel aus. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte man kaum bemerkt, daß es längst zu dunkeln begonnen hatte. Jetzt aber brach die Finsternis um so heftiger herein. Der Stromausfall löste eine Art Panik bei den wenigen noch verbliebenen Bibliotheksbesuchern aus. Einige rannten schreiend den Notausgängen zu. Aus den steckengebliebenen Aufzügen hörte man verhaltene Rufe. Die wenigen noch anwesenden Angestellten fluchten laut an ihren abgestürzten Computern.

Als Paula aus ihrem Büro trat, erblickte sie im Halbdunkel die schattenhaften Gestalten des Professors und — der unverschämten Studentin Dora, offensichtlich im verschwörerischen Zwiegespräch. Stecken die beiden also unter einer Decke! Aber welche Rolle spielte Dora, wenn der Professor der Urheber der obskuren Nachrichten war? Mußte er dann nicht auch zugleich die Büchersau sein? Im nun entstehenden Chaos war den beiden jedenfalls kaum das Handwerk zu legen, aber warum sie nicht einfach zur Rede stellen?

Zielstrebig ging Paula auf das seltene Paar zu, das sich aber schnell zurückzog, als es ihrer ansichtig wurde. Paula steigerte ihr Tempo. Die beiden drohten ihr zu entkommen. Sie mußte handeln. Schon jagten sie die Treppen hinunter, der Professor an erster Stelle, dicht gefolgt von seiner Komplizin. Eine Falte im Kunststoff-Treppenbelag machte ihrer Flucht ein Ende. Bernstein stolperte und schlug mit einem dumpfen Krachen auf den Treppenabsatz auf. Dora konnte gerade noch verhindern, daß sie im Dunkeln über ihren Begleiter fiel. Sie wich aus und konnte in Richtung Ausgang entkommen.

Der Professor blutete aus der Nase und war ganz offensichtlich bewußtlos. Paula wollte Erste Hilfe leisten, sah aber sofort, daß sie hier nichts tun konnte. Schließlich war der Mann nicht mehr der Jüngste. Sie ging zum nächsten Telefon und alarmierte die Feuerwehr. Zum Glück war die Telefonleitung nicht vom Stromausfall betroffen.

Schon auf der Trage, auf die ihn die Sanitäter gelegt hatten, um ihn abzutransportieren, murmelte der Professor zunächst ganz unverständliche Worte, die sich indessen immer weiter verdichteten: „Fangt die 111, da läuft sie." Der Notarzt blickte verständnislos in die Runde; dann beschloß man, die Fahrt ins Marienhospital anzutreten.

Der Professor hatte kaum Chancen, die sofort eingeleitete Notoperation zu überstehen. Sein Tod wurde in den Annalen der Universität registriert, im Vorlesungsverzeichnis des kommenden Semesters wurde seiner gedacht, und die Universitätszeitung brachte einen rührenden Nachruf aus der Feder des Rektors, der die Aufopferungsbereitschaft dieses honorigen Staatsdieners hervorhob.

Dora Meister-Friedrichshausen tauchte nie wieder in der Universitätsbibliothek auf. Eine Hausdurchsuchung konnte nichts Verdächtiges zu Tage fördern. Die Ermittlungen gegen unbekannt wurden eingestellt. Cäsar war der eigentliche Verlierer des unvorhergesehenen Todesfalles: Nach dem Verschwinden Doras wandte er sich wieder voll seinen juristischen Studien zu.

— Voll? In den Schatten seiner Seele arbeitete etwas, das ans Licht wollte. Ein seltsames Gefühl sagte ihm das immerzu. Ein ungewohntes Gefühl, weil es sich durch unerbittliche Präzision auszeichnete. Cäsar war irritiert. Aber es dauerte noch eine Zeitlang, bis ihm endlich die Einsicht kam. Das Rechtssystem, in dem er sich irgendwie sicher wähnte vor der brutalen Wucht des Lebens, konnte keine Rettung bedeuten. Für ihn nicht. Niemals. Denn er wollte glücklich sein. Und dieses Glück war nur im richtigen Leben möglich. Da war sein Ort. Das ist so sicher wie die ewige überteuerte Stromrechnung, sagte er sich zur Bekräftigung.

Cäsar zündete sich mit der Umständlichkeit eines Neulings eine frische Marlborough an. Dann setzte er sich wieder an den Schreibtisch seines Zimmers. Draußen war es kalt. Gelbe Blätter wirbelten im ewigen Regenwind. Cäsar lehnte sich auf dem Stuhl zurück und schaute nachdenklich in die weiße Qualmwolke, die er über seine rechte Schulter langsam zum offenen Fenster hinaus blies. Er versuchte ernsthaft, sein neues Bewußtsein durch Konzentration zu festigen. Ein neues Bewußtsein. Wer hatte das schon, wer schaffte das, dachte er. Das war mehr als genug, um alle Lücken in allen Büchern der Welt zu füllen. Als Cäsar sein studentisch-kriminologisches Wissen in dieser neuen Dimension überdachte, war ihm, als ginge nach langem Stromausfall das Licht an. Es war ein fremdes Licht, nicht das so oft erträumte innere Leuchten des Glücks. Aber es war Licht, das wirkliche harte Licht, das nur die wenigen Männer sehen, die auch nach Niederlagen nicht aufgeben. Cäsar stand auf von seinem Schreibtisch. Er ging zum Schrank hinüber, öffnete die linke Tür. Der Bourbon gluckerte ins schwere Glas. Cäsar beobachtete den bronzenen Alkoholstrom. Dann stellte er die Flasche zurück und verschloß den Schrank. Er ging zum Fenster und fühlte, wie der Whisky seinen Körper angenehm heiß durchfloß. Sein Hirn aber war eisig. Er dachte nach. Im Fensterglas fiel ihm die Spieglung seines Gesichts auf. Er sah in das harte Gesicht eines jungen Mannes, der im Leben angekommen war. Cäsar warf seinen Kopf zurück und leerte seinen Drink. Er knallte das Glas auf den Schreibtisch. Er wußte nun, was zu tun war.

Schnee fiel, der alles weiß und neu machte. Wie leere Buchseiten manchmal. Cäsar recherchierte, befragte, beobachtete mehrere Wochen. Ein paar Einbrüche waren auch nötig. Er stieß auf Doras Bekannten Klaus, der nach peinlicher Befragung auszupacken begann und Cäsar von Doras schneidender Leidenschaft in Kenntnis setzte. Cäsar mußte am Ende doch einen Blauen für die genaue Info rüberschieben, aber die kleine Bestechung war nicht zu viel gewesen für diese bizarre Story. Indes — Klaus hatte nicht das ganze Lied gesungen... Cäsar war wie elektrisiert, als er später rauskriegte, daß Klaus nicht nur ein Enkel von Mutter Zobel und Neffe Paula Zobels war, sondern auch studentische Hilfskraft beim verendeten Prof. Bernstein, der früher einmal (irgendwann in der Steinzeit) mit Mutter Zobel liiert gewesen war, diese aber wegen einer Jüngeren sitzen gelassen hatte.

Der frostkalte Wind fegte durch die häßliche Dortmunder Fußgängerzone. Cäsar haßte diesen Ort der blödsinnigen Bummelei. Dennoch freute er sich. Es hatte sich gelohnt, Bernsteins alte Sekretärin aufzusuchen. Cäsar wollte nun zu Fuß nach Hause gehen. Ein wenig Bewegung konnte nicht schaden, sagte er sich. Er klappte den Kragen seines zu dünnen Trenchcoats hoch, aktivierte alle seine Ermittlungsergebnisse im Hirn und legte los. Er kombinierte gleichsam mit der Energie eines Kernkraftwerks: Mutter Zobel mußte ursprünglich gegen die Verbindung ihrer Tochter mit dem viel jüngeren Christoph gewesen sein. Dann hatte sie aber in ihrer Spießbürgerlichkeit dieses Faktum verewigen wollen, um die sich anbahnende Schmach einer verlassenen Tochter zu vermeiden. Mutter Zobel mußte irgendwann durch Klaus erfahren haben, daß Paulas Angespanntheit, die ihre eh schon vertrocknete Ehe mit dem mißmutigen und jungen Christoph nun vollends zu verwüsten drohte, durch bösen Ärger am Arbeitsplatz entstanden war. Daß Klaus von der Büchersau berichtet haben mußte, aber Dora als Täterin verschwiegen hatte, obwohl er sie bei Mutter Zobel persönlich erwähnte als Studentin seines Profs Bernstein, bewies Cäsar, daß auch Klaus Dora liebte. Deshalb mußte die gute alte Zobelmutter wohl mehr als nur ein paar blaue Scheinchen eingesetzt haben, um ihren Enkel Klaus instruieren zu können, seinem Prof. Bernstein die überaus perfide Lüge einzuimpfen, daß Studentin Dora scharf auf ihn wäre. Mutter Zobel wußte natürlich nur zu genau, daß der alte Sack darauf ansprechen würde. Sie hatte also die Chance genutzt für eine späte Frauenrache an Bernstein. Das war sicher mehr, als für sie noch zu hoffen gewesen war. Aber stimmte das alles? Cäsar dachte noch einmal nach. Der Wind hatte zugenommen und schleuderte ihm Hagelkörner ins Gesicht. Cäsar war nun wirklich durchgefroren und ging schneller. Alles noch einmal, Schritt für Schritt. Die Fakten prasselten durch sein unerbittliches Hirn. Wo war das erste Ziel der Zobelmutter geblieben? Ha! Nun war sich Cäsar sicher. Alles klärte sich auf. Die alte Zobel mußte also doch von dem ekligen Verräter Klaus erfahren haben, daß Dora mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Büchersau war. Klaus hatte folglich auch Andeutungen in dieser Richtung bei Bernstein losgelassen, loslassen müssen. Mutter Zobel wußte, daß die Greisengeilheit Bernsteins nicht davor zurückschrecken würde, alle Informationen, die er über Dora hatte, für die Durchsetzung seiner feuchten Absichten zu verwenden. Mutter Zobel mußte riskant und klug darauf spekuliert haben, daß der lüsterne Bernstein die Büchersau in die Öffentlichkeit treiben und damit erlegen würde, freilich ohne das stramme Mädel ins 68er-Lotterbett bekommen zu können. Der Zufall mit dem Stromausfall beschleunigte die eingefädelte Sache bloß. Die Büchersau war gewissermaßen zur Strecke gebracht worden; damit war es für Paula Zobel wieder möglich geworden, etwas Ruhe zu finden und Ausgeglichenheit, was für ihre Ehe vielleicht ersprießlich werden konnte. Mutter Zobel war es sicher recht, daß Dora nicht geoutet wurde. Denn das hätte möglicherweise Mitleid bei ihrem Ex hervorgezaubert. Es war aus dieser Sicht gut, daß Dora fort war. Doppeltes Pech für Bernstein. So ist das Leben. Pech aber auch für Klaus. Ihm hatte Mutter Zobel in ihrem Plan wahrscheinlich die Rolle zugedacht gehabt, als zufälliger Helfer bereitzustehen, wenn Dora von Bernstein und der drohenden Öffentlichkeit entnervt wäre. Dora hatte seine Beute werden sollen. Cäsar blickte zum Himmel. Allmählich hörte der Hagelschauer auf. Nur der kalte Wind blieb. Cäsar zündete sich in einem Hauseingang eine Zigarette an und ging weiter. Er wiederholte noch einmal seine Analysen zur Funktion von Klaus. Natürlich wußte Cäsar, daß dieser letzte Gedankengang schwächer war als die andern. Aber vermutlich stimmte er. Klaus war dumm, und nur für ihn hatte er plausibel sein müssen. Klaus hatte sich einfach zu viel davon versprochen, daß Dora ihm damals von der verrückten Wette erzählt hatte. Cäsar verzerrte sein Gesicht zu einem bösen Grinsen, als fröre er unsäglich im Dortmunder Winterwind. Er erkannte nun in Klaus einen besonders lächerlichen Verlierer, einen Hanswurst des Glücks, der mit rotgeweinten Augen irgendwo außerhalb des heiteren Blickfelds verenden würde. Cäsar fühlte kein Mitleid, natürlich auch kein sonstiges Leid. Er inhalierte tief und wußte, daß der irreparable Kabelbrand in seinem Gefühlssystem der Preis für die Männlichkeit war, die ihm all seine Einsichten ermöglicht hatte. Cäsar wußte genug. Er trat die Zigarette aus und rannte den letzten Kilometer nach Hause, um sich dann in seiner Studentenbude einen doppelten Bourbon zu genehmigen.

Lebte Dora noch?

Freitag, früher Nachmittag, 15.10 Uhr. Cäsar dachte an Dora, daran, daß er glücklich sein wollte, aber es schon fast vergessen hatte. Der Student blickte in den strömenden Regen. Vielleicht würde er einmal ein Buch darüber schreiben, daß man vor allem weiterleben müsse. Bücher sollen nicht glücklich machen. Sie sollen auf die Welt hinter dem Bücherstaub verweisen. Alles andere ist Gerede. Er goß nach. Das Leben hatte an Fahrt zugenommen.

Warum aber die gute Paula Zobel an jenem Dienstag Christophs Handschrift auf dem unerwarteten Zettel erkannt hatte, weiß nur sie selber und vielleicht der Geist der Erzählung, doch der ist auch schon fort, mit der glücksuchenden Dora auf fröhlicher Fahrt durch die unendliche Raumzeit der Narration, in der zum Glück auch so ein unsäglich doofer Titel wie „Die Büchersau" die kosmologische Relevanz von 111 Staubkörnern erhält. Quod erat demonstrandum. Ja. Ja. Ja.


"Die Büchersau" erschien im Oktober 1999 im Buchhandel in: "Elektropolis. Eine Anthologie / hrsg. von Thomas Eicher u.a. – Athena-Verl. : Oberhausen"

10.07.2001