Universitätsbibliothek Dortmund


Die 3. InetBib-Tagung vom 4. - 6. März 1998 in Köln
gesehen von Hannelore Effelsberg und Dr. Volker Henze

InetBib dürfte inzwischen allen Bibliothekaren/innen bekannt sein zumindest denjenigen, die über einen Internet bzw. E-MailAnschluß verfügen. InetBib - das ist die größte deutsche Mailingliste für internet-interessierte Bibliothekare/innen und bibliothekarisch tätige Internet-Begeisterte mit im Augenblick ca. 1 500 Teilnehmern. 400 davon trafen sich vom 4. - 6. März 1998 zur 3. InetBib-Tagung, die in Köln an der Universitäts- und Stadtbibliothek stattfand. Hier zuerst ein großes Lob an die Organisatoren der Tagung, die nicht nur einen reibungslosen Ablauf sicherstellten, sondern schon im Vorfeld Sponsoren gefunden hatten, die u.a. die Bewirtung der Tagungsteilnehmer mit kleinen Imbissen in den Pausen übernommen hatten.

War noch die 1. InetBib-Tagung vor zwei Jahren in Dortmund geprägt vom Enthusiasmus aller Teilnehmer, die zum großen Teil ein Forum fanden, einander persönlich kennenzulernen und dem Engagement, Wege zu finden, das Internet für Bibliotheken sinnvoll zu nutzen, so war jetzt in Köln eine gewisse Routine unverkennbar. Dies sieht man schon an den Themen der sechs inhaltlichen Blöcke, in die die Tagung gegliedert war:

  1. Nutzerforschung - Schnittstelle zwischen NutzerInnen und Bibliotheken
  2. Internet-Projekte von Bibliotheken: State-of-the-Art-Bericht
  3. Rechtliche Fragen der Internetnutzung und -bereitstellung
  4. Angebot von Elektronischen Zeitschriften durch Bibliotheken
  5. Kommunikation im Internet
  6. Die lernende Bibliothek

Als hervorragende Veranstaltung ist ein Tutorial unter dem Titel "Informationen im WEB anbieten und wiederfinden" hervorzuheben, das am Nachmittag vor Beginn der eigentlichen Tagung stattfand und von Traugott Koch, Florian Seiffert und Hans-Joachim Wätjen durchgeführt wurde.

Mit Nachdruck wiesen die Referenten darauf hin, daß die universalen, automatisch indexierenden und allseits bekannten Suchdienste - wie z. B. Altavista - inzwischen an ihre Grenzen stoßen: Nicht nur werden die Antwortzeiten immer länger, sondern fünf- bis sechsstellige Treffermengen können den Suchenden hilflos zurücklassen. Vor diesem Hintergrund verdienen die von Florian Seiffert vorgetragenen Grundsätze für eine Recherche im Internet unbedingte Beachtung:

Die drei wichtigsten Hilfsmittel zum Thema suchen (aber nicht nur dafür) sind:

Nachdenken,
nachdenken,
nachdenken!

Ein paar Weisheiten dazu:

Wenn man kein Ziel hat, ist jede Richtung die Falsche.
Wenn man kein Ziel hat, kommt man irgendwo an!

Ein paar Fragen zum Ordnen der Gedanken:

Gibt es das, was ich suche, überhaupt?
Gibt es das (mit weicher Wahrscheinlichkeit?) im Internet?
Wo habe ich das, was ich suche, zuletzt gesehen?
Wieviel Zeit habe ich?
Wieviel Zeit/Aufwand ist die Suche wert?
Reicht eine 80%-Lösung oder brauche ich (mit erheblich mehr Aufwand) eine 99%-Lösung?
Kennt jemand, den ich kenne und der schnell erreichbar ist, schon die Lösung meines Problems?
Geht es vielleicht schneller, wenn ich den frage?
Welches Suchwerkzeug ist angemessen?

Diese Maximen richten sich an den Rechercheur. Zu Recht wiesen die Referenten aber darauf hin, daß eine Suche erleichtert würde, wenn die Informationen im Internet selbst besser strukturiert und damit leichter identifizierbar wären. Hans-Joachim Wätjen stellte in diesem Zusammenhang sein Projekt GERHARD (German Harvest Automated Retrieval and Directory) vor, das intellektuell erarbeiteten Qualitätsdienst und Robotdienst zu einem Fachgebiet vereinigt.

Gerhard ist gleichzeitig eine Suchmaschine und ein systematisches Verzeichnis für das deutsche WWW, und zwar für Informationsressourcen von wissenschaftlichen Einrichtungen und Institutionen, die für Forschung, Lehre und Studium relevant sind. Das Projekt integriert die gezielte Suche mit der thematischen Navigation und benutzt dabei die Universale Dezimalklassifikation der ETH Bibliothek Zürich. GERHARD enthält zur Zeit 950 000 HTML-Seiten deutscher WWW-Server, die vollkommen automatisch gesammelt, klassifiziert und indexiert werden. Der Ansatz dieses Projektes ist so vielversprechend, daß es hoffentlich bald allgemein zugänglich gemacht und weiter ausgebaut wird.

Viele Projekte - vor zwei Jahren oft vielversprechend gestartet - scheiterten irgendwann am Mengenproblem der intellektuell zu indexierenden Dokumente. Dies könnte verhindert werden, wenn die WEB-Seiten mit standardisierten bibliographischen Angaben vom Autor selbst angereichert würden (sog. Metadaten), die dann das Wiederfinden im WEB erheblich erleichtern. Dieser Weg ist aber nur dann erfolgversprechend, wenn die Eintragung in standardisierter Form erfolgt, z.B. durch Verwendung des schon bekannten Dublin Core Sets. Auf der Seite der Universitätsbibliothek Lund findet sich eine Adresse, über die einzelne WWW-Dokumente automatisiert mit Angaben des Dublin Core Sets angereichert werden können http://www.lub.lu.se/cgi-bin/nmdc.pl. [Anmerkung: Script steht nicht mehr zur Verfügung.] Schon sind einige Suchdienste in der Lage, Metadaten auszuwerten. Leider hat sich noch kein Standard für Metadaten allgemein durchgesetzt.

Unabhängig von der Problematik der Suchdienste und der Metadaten stieß Herrn Wätjens Vorschlag auf große Zustimmung der Teilnehmer, speziell für Bibliotheken bzw. Bibliothekare/innen einen Grundkatalog wichtiger Internetadressen zusammenzustellen und zu pflegen, da vor allem kleinere Bibliotheken oft aus personellen Gründen keine Möglichkeit haben, das WWW zu lektorieren oder sogar zu erschließen. Was die großen Bibliotheken betrifft, wird z. Zt. an verschiedenen Stellen äußerst wertvolle, aber leider auch unnötige Doppelarbeit geleistet, wenn man sich beispielsweise die Linksammlungen des SWB, des HBZ, der UB Augsburg etc. betrachtet.

Am 5.3.98 stand vormittags u.a. die Besichtigung der im letzten Jahr im Mediapark eröffneten Medienbibliothek der Stadtbibliothek Köln auf dem Programm. Diese Bibliothek für neue Medien bietet z.Zt. ca. 800 CD-ROMs, 1200 Spielfilme und 1400 Musik-CDs zur Ausleihe; sie konzentriert sich auf die Fachgebiete Medien, Film, Funk und Fernsehen sowie Computerkunst und Fotografie. Darüber hinaus haben die Benutzer nicht nur die Möglichkeit, im Internet zu surfen und in festinstallierten aktuellen CD-ROM-Datenbanken zu recherchieren, sondern können in einem Computerlabor selbständig mit neuesten Textverarbeitungs- und Grafikprogrammen trainieren und arbeiten. Ergänzt wird dieses Angebot durch ein regelmäßiges Veranstaltungsprogramm, das Einführungen in das Internet, medienpädagogische Workshops sowie Vorstellung von Computertrends und neuen Kommunikationstechnologien umfaßt.

Im Anschluß an diese Besichtigung wurde die 3. InetBib-Tagung offiziell mit Grußworten der Rektoren von Universität und Fachhochschule eröffnet. Eher belustigend wirkte dabei die Bemerkung, daß auch im Zeitalter der Vernetzung die individuelle Handschrift nicht an Bedeutung verloren habe, wie man an vielen handgeschriebenen Faxen erkennen könne!

Der Block Nutzerforschung wurde sehr anschaulich von Dr. Beate Tröger an Beispielen von Fragebogenaktionen dargestellt. Als Desiderate stellten sich bei diesen Aktionen kompetente Hilfestellungen und Einführungen in die Internet-Nutzung von seiten der Bibliothek heraus sowie vor allem eine bibliothekarische Bewertung von Internet-Quellen nach fachlichen Gesichtspunkten. Es ist allerdings leider auch klar, daß im Moment an kaum einer Bibliothek die Personalstruktur die Abdeckung dieser Bedürfnislage gewährleisten kann.

Hohe Erwartungen knüpften sich an die Vorstellung des europäischen Bibliotheksprogramms, die die Vertreterin der Europäischen Kommission in Brüssel jedoch an keiner Stelle einzulösen vermochte. Ihr Vortrag kam über allgemeine Formulierungen wie "Katalyse eines Veränderungsprozesses", "langfristige Ziele", "Projektförderung" nicht hinaus.

"Bibliothekarische Internet-Projekte in Deutschland" - so war der Vortrag von Hans-Christoph Hobohm überschrieben, der jedoch kein einziges konkretes Projekt bewertete, sondern sich auf die Formulierung allgemeinster Vorstellungen und Maximen beschränkte, deren zahlreiche Anglizismen zeitweise an ein Management-Seminar erinnerten.

Wie eine im Grunde trockene Materie aufbereitet werden kann, zeigte Ferdinand Melichar in seinem Vortrag zu rechtlichen Fragen der Internet- Nutzung und -bereitstellung. Dabei wies er u.a. die immer noch weit verbreitete Vorstellung zurück, daß es sich beim Internet um einen rechtsfreien Raum handelt: Bei der öffentlichen Zugänglichmachung von Internet-Dokumenten handelt es sich um einen urheberrechtlichen Vorgang, der dem Urheber-Persönlichkeitsrecht unterliegt. Entsprechend sind bei Netzpublikationen die Rechte grundsätzlich beim Urheber einzuholen, und zwar individuell bei jedem Autor; allerdings kann dies stellvertretend über die VG Wort erfolgen. In jedem Fall sind kommerzielle Veröffentlichungen ohne Urheberrechtsabgabe an den Autor eine Rechtsverletzung.

Der Referent verwies in diesem Zusammenhang auf das am 1.8.1997 in Kraft getretene "Gesetz zur Regelung der Rahmenbedingungen für Informations- und Kommunikationsdienste" (luKDG), das viele bisher unklare Fragen zur Internetnutzung und -bereitstellung rechtlich regelt.

Für viele neu dürften die Ausführungen von Oliver Obst (ULB Münster) gewesen sein, der sich mit "Bannerwerbung in der virtuellen Bibliothek" befaßte und klarstellte, daß Sponsoring bzw. Werbung im Internet auch für die an den DFN-Verein angeschlossenen Bibliotheken und Institutionen grundsätzlich möglich ist: Der DFN-Verein schafft nämlich lediglich die technischen Voraussetzungen für die Nutzung des Internats, für die Gestaltung der Inhalte sind aber die jeweiligen Institutionen selbst verantwortlich. Werbung als kommerzielle Nutzung ist dann (automatisch) gestattet, wenn diese den Zielen der jeweiligen Institution - etwa über Einnahme von Drittmitteln - zugute kommt.

Vielleicht zur Enttäuschung manches Teilnehmers war ein Mitglied er InetBib-Liste nicht anwesend, das es in den letzten Monaten immer wieder verstanden hat, die lnetBib-Gemeinde zu längeren Diskussionen zu provozieren. Zur Freude aller präsentierte Michael Schaarwächter in seiner launigen Bestandsaufnahme der bisherigen Entwicklung der InetBib-Liste die allerste E-Mail eben jenes Mitglieds, für das nach unbestätigten Gerüchten mancher entnervte Teilnehmer schon einen Löschfilter gesetzt haben soll. ;-)

Wer mehr über die Tagung nachlesen möchte - die Adresse für die Homepage lautet: http://www.ub.tu-dortmund.de/Ibkon/Welcome.html

Hannelore Effelsberg und Dr. Volker Henze


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